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Geschichten und Fakten zur Ernährung des Hundes

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An der Ernährung unserer Hunde scheiden sich die Geister. An der Art, wie wir unsere Hunde ernähren, werden wir als „gute“ oder „schlechte“ Hundehalter wahrgenommen

In der allgemeinen Wahrnehmung gibt es die, die „sich Mühe machen“ mit ausgeklügelten Ernährungskonzepts und sorgfältig dekorierten Frischfleisch- und Gemüsemenüs, die längst Instagram-fähig sind, jene, die sich Gedanken machen und die Zutatenliste der verwendeten Hundefuttersorte auswendig können, und die anderen, die ihrem Hund einfach irgendein Dosen- oder Trockenfutter in den Napf schütten. Manche Menschen werfen ihren Hunden der Natur wegen komplette Tiere mit Haut, Haaren, Knochen und Innereien vor, andere schwören darauf, das Trockenfutter das Non Plus Ultra ist, andere übersetzen menschliche Diät-Trends wie Paleo oder Trennkost auf den Hund – aber dem Hund Essensreste zu geben, ist heutzutage ein totales No-Go und wird behandelt, als wäre es das Ende der Zivilisation – obwohl zugegebenermassen Hunde jahrhundertelang ausschließlich mit dem ernährt wurden, was die Menschen ihnen übrig ließen. Abgesehen von unterschiedlichen Nährstoffbedürfnissen gibt es keinen wissenschaftlich fundierten Hinweis darauf, dass Menschenessen für Hunde ungesund ist. Im Gegenteil: Hunde haben sich zusammen mit dem Menschen ko-evolutionär entwickelt, in dem sie sich jahrhundertelang von dem ernährt haben, was der Mensch ihnen übrig ließ  – und damit haben Hunde es sehr weit gebracht. Ganz ehrlich: Es gibt es wohl keine andere Spezies, die sich dem Menschen so erfolgreich angepasst hat, wie der Hund.

2014 veröffentlichte ein Genetiker-Team um Erik Axelsson von der University of Uppsala in Schweden hochinteressante Ergebnisse ihrer Evolutionsstudien, nachdem sie genetische Hinweise entdeckten hatten, dass Hunde sich im Laufe der ca. 37 000 Jahre im direkten Umfeld des Menschen  an dessen Nahrung angepasst hatten. Als die mittlerweile ausgestorbene Wolfsart begann, sich dem Menschen anzuschließen, setzten sich eben vor allem jene Wölfe durch, die die vom Menschen hinterlassenen Abfälle aus Getreideprodukten am besten verwerten konnten.

Im Laufe der Jahrtausende eigneten sie sich ein Verdauungssystem an, das mehr Variationen verträgt und sogar benötigt, als das ihres wölfischen Vorfahren

Die Lieblings-Behauptung der Premium-Hundefutterindustrie, wurde damit widerlegt: dass in jedem Hund, in jedem Russischen Toy Terrier und jedem Doodle ein wilder Wolf stecke und nichts sei für ihn besser als Fleisch. Jeder Malteser und jeder Dobermann sei vom Schneidezahn bis zum Verdauungssystem mit dem Wolf identisch, je mehr Protein seine Nahrung enthalte, desto gesünder, schließlich sei der Hund der nächste Verwandte des Wolfes, und so solle er auch ernährt werden. „Unsere Produkte sind der natürlichen Nahrung eines Wolfes nachempfunden“, habe ich gerade auf der Webseite eines großen deutschen Hundefutter-Herstellers gelesen. „Es ist unbedingt auf eine proteinreiche Nahrung zu achten, die auf Fleisch oder Fisch basiert.

Tatsächlich wird bei dieser Behauptung übersehen, dass die Domestikation ein tiefgreifender, genetisch verändernder Prozess ist. „Auf dem Weg vom Wolf zum Hund hat sich alles verändert“, bestätigte Dr. Dorit Feddersen-Petersen, noch nach ihrem Tod 2023 die bekannteste und bedeutendste Verhaltensbiologin Deutschlands. „Kein Organ ist gleich geblieben, selbst das Hautwachstum hat sich im Laufe der Domestikation gewandelt. Der Hund war einmal ein domestizierter Wolf, aber die beiden sind so extrem verschieden, dass man nicht immer mit dem Wolf ankommen sollte, wenn man über Hunde spricht.“

Die Veränderung vom Mitglied im Wolfsrudel zum Familienmitglied beinhaltete mehr, als sich das Talent anzueignen, sich mit dem Menschen zu verstehen, so der Genforscher Erik Axelsson von der Universität in Uppsala, Schweden. Er und seine Forschergruppe verglichen die DNA von Hund und Wolf, um herauszufinden, welche Gene wichtig für die Domestizierung waren.

Hunde können Kohlehydrate und pflanzliche Nahrung deutlich besser verdauen als der Wolf

Dabei fanden sie Gene, die an der Entwicklung des Gehirns, des Nervensystems und des Fett- und Stärkestoffwechsels beteiligt sind. Genomunterschiede also, die zum einen zur Erklärung der geringeren Aggressivität des Hundes verglichen mit dem Wolf dienen könnten, und zum anderen auf einen veränderten Verdauungsmechanismus hinweisen. Die Forscher fanden heraus, dass Hunde Kohlehydrate und pflanzliche Nahrung deutlich besser verdauen können als der Wolf.

http://www.nature.com/nature/journal/vaop/ncurrent/full/nature11837.html

Die Forschungen wurden von einer unabhängigen Gruppe Genetiker (Evolutionsforscher) durchgeführt – es stand keinLebensmittelkonzern dahinter, wie von Verschwörungstheoretikern gerne behauptet. Leiter der Studien war der Genetiker Erik Axelsson (Science for Life Laboratory, Department of Medical Biochemistry and Microbiology, Uppsala University), in Zusammenarbeit mit dem Broad Institute of MIT, der Harvard Universität, der Grimsö Wildlife Research Station, der Swedish University of Agricultural Science und dem Department of Forestry and Wildlife Management in Norwegen.

Insgesamt wurden beim Hund 30 Kopien des Gens für Amylase entdeckt, dem Protein, das die Aufspaltung von Stärke im Verdauungstrakt beginnt. Wölfe verfügen dagegen nur über zwei dieser Gene. Eine bestimmte Variante des Gens für Maltase-Glukoamylase – ein Enzym für den weiteren Abbau der Stärke – fanden die Wissenschaftler ausschließlich im Genom der Hunde. Dieses entsprechende Enzym existiert ansonsten nur bei Pflanzenfressern wie Hasen und Kühen, oder Allesfressern wie der Ratte – aber nie bei Fleischfressern.

Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass der Hund Stärke – dem Hauptnährstoff in Getreide wie Reis oder Weizen – um ein Fünffaches besser verdauen kann als der Wolf. Die Domestizierung vom Wolf zum Hund ging insbesondere mit der Umstellung auf stärkehaltige Nahrung einher. Das ist ja der „Witz“ der Evolution: Dass die vorhandenen Nahrungsquellen optimal vom Organismus genutzt werden können. Tatsache ist: Auch wenn unsere DNA zu 97 Prozent mit der des Orang Utans übereinstimmt, haben wir Menschen es doch eher schwer mit dem Verdauen von Baumrinde, wenn wir die abends auf dem Sofa knabbern, und die meisten Orang Utans würden innerhalb kürzester Zeit g tot vom Baum fallen, wenn sie sich nur 24 Stunden lang so ernähren würden, wie wir.

Die Entwicklung beim Menschen und dem Hund geschah in sehr ähnlichen Schritten

Tatsächlich stellte das Forscherteam um Axelsson bei ihren Untersuchungen fest, dass diese Entwicklung beim Menschen und seinem besten Freund sehr ähnlich war. Auch beim Menschen variiert die Anzahl der Genkopien je nach Anteil stärkehaltiger Nahrung: Japaner oder Europäer besitzen mehr Kopien als beispielsweise die Mbuti in Afrika.

„Wir Menschen haben uns auf sehr ähnliche Art den drastischen Veränderungen angepasst, seit sich die Landwirtschaft entwickelt hat“, sagt Axelsson. Das Verdauungssystem des Hundes hat sich seit der Evolution so weit an die Nahrung des Menschen angepasst, dass der Anteil an Kohlenhydraten zu einem lebenswichtigen Bestandteil der Hundeernährung geworden ist.

Der Hund ist – anders als der Wolf – also keineswegs in erster Linie ein Fleischfresser. Ein Wolf würde auf Dauer bei einer Ernährung von 50% Fleisch und 50% Kohlenhydraten nicht überleben. Ein Hund hingegen sehr wohl – und das auch sehr gut.

„Die Ergebnisse von Axelssons Studien beweisen, dass Hunde anders sind als Wölfe und eine ‚wolfartige‘ Ernährung ihnen eben nicht entspricht“, so der Evolutionsbiologe Robert Wayne (University of California in Los Angeles), der seit Jahrzehnten Hunde erforscht. „Hunde und ihre Ernährungsweise haben sich gleichzeitig mit dem Menschen evolutionär entwickelt.“

http://www.spektrum.de/alias/hundedomestizierung/hund-mehr-vegetarier-als-wolf/1181997

Diese Koevolution zeigt sich eben auch in den veränderten Ernährungsgewohnheiten. Fossile Funde belegen, dass der Hund den Menschen seit über 37 000 Jahren begleitet – auch wenn er natürlich anders aussah als die Hunde, die wir heute im Park  treffen. Aber in diesen 37 000 Jahren entwickelte sich der Mensch vom Jäger und Sammler zum Hirten und Bauern, wobei ihr Organismus lernte, vielfältige Kohlehydrate und Milchprodukte als Nahrung zu nutzen.

Weil Hunde nah beim Menschen lebten, gewöhnte sich auch ihr Organismus an die jeweils vorhandene Nahrung

Afrikanische Hirtenhunde besitzen elf Kopien des Amylase-Enzyms, weil sie wie ihre Menschen hauptsächlich von Hirsebrei ernährt wurden, während nordische Hunde, die vor allem mit Inuits bzw. Fischern zusammen leben und eben kaum oder gar kein Getreide, sondern mit Fleisch- und Fischabfällen gefüttert wurden, nur drei Kopien haben. Trotzdem ist diese relativ schwache Fähigkeit der arktischen Hunde immer noch besser ausgestattet als das von Wölfen.  Die meisten Hunde in unseren Breitengraden sind dabei mit 11 AMY2B-Genabschnitten an die menschliche Nahrung angepasst.

Demenstprechend profitieren die meisten Hundearten heute sehr von einem ausreichenden Maß an guten Kohlenhydraten. Und zwar nicht nur nervlich (siehe hier), sondern auch körperlich: Mittlerweile gibt es nach verschiedenen Studien (u.a der University of California Davis College of Veterinary Medicine) Hinweise darauf, dass Kardiomyoparthien (Also Erkrankungen des Herzmuskels) bei Hunden auch im Zusammenhang mit getreidefreiem Hundefutter stehen (https://www.fda.gov/animal-veterinary/news-events/fda-investigation-potential-link-between-certain-diets-and-canine-dilated-cardiomyopathy

Evolutionsbiologen wissen heute, dass das menschliche Hirn durch das Kochen von Nahrung wachsen konnte und sich der Homo erectus zum Homo Sapiens entwickelt hat: Durch das Kochen von Nahrung können Nährstoffe vom Körper besser aufgenommen werden liefern so mehr Nährstoffe und Kalorien als Rohkost. Interessanterweise findet man in historischen Texten wie auch bei der Erforschung indigener Völker fest, dass Hunde durch die Jahrtausende hauptsächlich mit gekochter Nahrung gefüttert wurden. Rohes Fleisch gelangte nur durch das Jagen von Kleintieren, das Fressen von Nachgeburt oder Aas als besonderer Snack in die Hunderation. Vielleicht hat diese Ernährung auch dafür gesorgt, dass der Hund so kompatibel mit dem Menschen wurde: Freundlicher, offener, verspielter und anpassungsfähiger als seine wilden Verwandten.

Bereits seit den Römern gibt es schriftliche Belege, die die historische Ernährung von Hunden beschreiben

Der römische Schriftsteller und Gutsbesitzer Moderatus Columella berichtete im 1. Jahrhundert, dass der Herdenschutzhund nur mit Milchprodukten gefüttert werden soll, „da der Fleischgenuss ihn fleischgierig werden lasse“, was sich auf seine Impulskontrolle auswirkt und ein Jagd- und Schutzverhalten auslösen würde. Das passende Futter sei „Gerste mit Molke“. Wenn es keine Milch gab, empfahl er Dinkel-oder Weizenbrot, das mit dem Saft von gekochten Bohnen gemischt und erwärmt gefüttert werden sollte.

Man wusste also schon in römischer Zeit, dass der Eiweissanteil der Ration mit Bohnen erhöht werden konnte.

Fleisch dagegen bekamen nur kranke Hunde oder Leistungshunde wie Jagdhunde. Dieses Fleisch bestand aus den Tier-Teilen, die er Mensch beim besten Willen nicht essen wollte, wie Mähnenkamm, Schwanz, Füße, Haut, Gesicht. Dieses Fleisch wurde in einen Getreidebrei gemischt. Der Mensch hantierte bis zur Erfindung moderner Kühlmethoden sehr ungern mit rohem Fleisch, weil sich darauf sehr schnell Bakterienkolonien festsetzen, die einem nicht in den schlimmsten Alpträumen begegnen sollten: Rohes Fleisch macht sehr schnell sehr krank. Hunde verfügen zwar über die unglaublich effiziente Magensäure, die in einem gewissen Rahmen auch mit Gruselfleisch fertig wird, aber auch die Haltbarkeit wird durch den Kochvorgang erheblich erhöht.

 

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